Die Herausforderung, Schrift zu lesen, ist evolutionsgeschichtlich zu jung, als dass sich dafür spezifische Hirnbereiche hätten entwickeln können. Doch wie schaffen wir es, Regelmäßigkeiten in Buchstabenkombinationen zu erkennen und aus ihnen einen Sinn abzuleiten? Eine neue Studie zeigt, dass die Grundlage dafür ein evolutionär alter Mechanismus ist, der darauf beruht, dass wir wiederkehrende Muster erkennen und als bekannt wahrnehmen. Dabei spielte es im Experiment keine Rolle, ob es sich um buchstabenähnliche Zeichen, geometrische Gebilde oder variierende Gitterformen handelte.
Um welche Mechanismen es sich dabei handelt, hat nun ein Team um Yamil Vidal von der International School for Advanced Studies (SISSA) in Italien untersucht. Dafür testeten die Forscher bei ihren Probanden, wie gut sie wiederkehrende Muster in Buchstabenkombinationen erkennen – eine Fähigkeit, die beim Lesen als grundlegend gilt. Anders als in klassischen Studien verwendeten Vidal und Kollegen als Stimuli aber nicht nur buchstabenartige Zeichen, sondern auch Gebilde, die mit Buchstaben wenig gemeinsam haben. Die Annahme dahinter: „Wenn das Lesen auf allgemeinen visuellen Mechanismen beruht, sollten einige Effekte, die auftreten, wenn wir mit orthografischen Zeichen konfrontiert werden, auch auftreten, wenn wir nicht-orthografischen Stimuli ausgesetzt sind“, so die Forscher. „Und genau das hat diese Studie gezeigt.“